Eine Bewohnerumfrage zur Studentenstadt zeigt, wie tief der Vertrauensbruch zwischen Bewohnerschaft und Studierendenwerk reicht. 100 Bewohnerinnen und Bewohner aus nahezu allen bewohnten Häusern schildern nicht nur bauliche Mängel, sondern auch Probleme bei Instandhaltung, Reinigung, Kommunikation, Mitbestimmung und Gemeinschaft. Besonders deutlich: Nur 5 Prozent haben das Gefühl, dass ihre Anliegen ernst genommen werden.
100 Antworten aus der Studentenstadt
Die Auswertung der Bewohnerumfrage wurde am 12. März 2026 vorgelegt. Der Haupterhebungszeitraum lag am 22. und 23. Februar 2026; vier weitere Antworten gingen bis zum 27. Februar ein. Insgesamt beteiligten sich 100 Bewohnerinnen und Bewohner aus nahezu allen bewohnten Häusern der Studentenstadt. Bezogen auf 1.036 belegte Wohnplätze entspricht das einer hausübergreifenden Teilnahmequote von 9,7 Prozent.
Die Umfrage ist keine formale Zufallsstichprobe und ersetzt kein technisches Gutachten. Sie ist aber eine breite, hausübergreifende Bewohnerperspektive auf den Wohnalltag in der Studentenstadt. Genau darin liegt ihre Bedeutung: Sie zeigt, welche Probleme vor Ort nicht nur auf Fotos sichtbar sind, sondern im Alltag der Bewohnerinnen und Bewohner wiederkehren.
Mängel als Normalzustand
Die Zahlen widersprechen der Darstellung, es gehe nur um einzelne Ausreißer. Über alle Häuser hinweg nennen 67 Prozent Mängel in der Küche, 58 Prozent Schimmel- oder Feuchtigkeitsprobleme und 56 Prozent Sanitärprobleme in Toiletten oder Duschen. Nur 6 Prozent geben an, aktuell keine konkreten Mängel zu sehen.
In den nicht sanierten Häusern verdichten sich die Probleme noch stärker: 75 Prozent nennen Küchenmängel, 68,8 Prozent Schimmel- oder Feuchtigkeitsprobleme und 67,5 Prozent Sanitärprobleme. Das ist kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Muster in den gemeinschaftlich genutzten Bereichen des Wohnens.

Probleme bestehen seit Monaten
Auch die Dauer der Probleme ist entscheidend. Über alle Häuser hinweg bestehen die genannten Probleme in rund 70 Prozent der Fälle bereits länger als sechs Monate. 37,9 Prozent berichten sogar von Problemen, die seit mehr als einem Jahr bestehen. Das spricht gegen die Deutung kurzfristiger Störungen und für dauerhaft verschleppte Mängel.

Der Aktionsplan überzeugt nicht
Für die Altstadt wurde gefragt, ob sich die Situation seit der Ankündigung des Aktionsplans beziehungsweise der Instandhaltungskampagne spürbar verbessert habe. Nur 24,1 Prozent antworteten mit Ja. 48,3 Prozent sahen nur teilweise Verbesserungen, 27,6 Prozent keine spürbare Verbesserung.
Die offenen Antworten beschreiben zwar einzelne sichtbare Verbesserungen, etwa neue Kühlschränke, gereinigte Küchen oder erneuerte Geräte. Gleichzeitig dominierte der Eindruck, dass viele Maßnahmen oberflächlich, schlecht abgestimmt oder nicht nachhaltig waren. Mehrfach wurde beschrieben, dass Schimmel überstrichen statt beseitigt oder funktionierende Ausstattung ohne erkennbare Priorität ersetzt wurde.
Der Befund ist damit klar: Der Aktionsplan wurde von vielen nicht als belastbare Instandhaltungsstrategie wahrgenommen, sondern eher als sichtbare Reaktion unter öffentlichem Druck.
Reinigung und Kommunikation fallen durch
Auch Reinigung und Kommunikation werden in der Auswertung deutlich kritisch bewertet. 53 Prozent geben an, die Reinigung finde unregelmäßig etwa einmal pro Woche statt. Weitere 23 Prozent beobachten Reinigung nur selten, etwa ein- bis dreimal pro Monat. Nur 11 Prozent berichten von regelmäßiger Reinigung drei Mal pro Woche.
Noch klarer fällt die Bewertung der Reinigungsqualität aus: Der Durchschnitt liegt nur bei 1,13 von 4. 67 Prozent vergeben die negativen Werte 0 oder 1. Die Auswertung beschreibt damit kein reines Sauberkeitsthema, sondern ein Problem der Nutzbarkeit gemeinschaftlicher Küchen, Bäder, Flure und Gemeinschaftsflächen.
Bei der Kommunikation zeigt sich ein ähnliches Bild. Ob Bewohnerinnen und Bewohner sich vom Studierendenwerk ausreichend über geplante Maßnahmen informiert fühlen, wird im Durchschnitt nur mit 1,11 von 4 bewertet. Die Zugänglichkeit und Reaktionsfähigkeit der Verwaltung liegt sogar nur bei 1,03 von 4. Besonders drastisch ist die Frage, ob Anliegen ernst genommen werden: Nur 5 Prozent antworten mit Ja, 48 Prozent mit Teilweise und 47 Prozent mit Nein.

Tutorenprogramm ohne Rückhalt
Besonders deutlich wird der Unterschied zwischen administrativ eingesetzten und demokratisch verankerten Vertretungsstrukturen. Nur 16 Prozent fühlen sich durch das Tutorenprogramm ausreichend vertreten, wenn es darum geht, Probleme zu kommunizieren. 52 Prozent antworten mit Nein.

Bei den Haussprechern fällt das Bild deutlich anders aus. Unter den Personen, die überhaupt Haussprecher im Haus haben, fühlen sich 53,1 Prozent angemessen vertreten, weitere 32,1 Prozent teilweise. Nur 14,8 Prozent antworten mit Nein. Gleichzeitig würden 89 Prozent aller Befragten es bevorzugen, wenn Tutoren von den Bewohnerinnen und Bewohnern statt vom Studierendenwerk ausgewählt würden.

Gemeinschaft ist Teil der Lösung
Die Umfrage zeigt auch, dass Gemeinschaft kein weicher Zusatz ist, sondern eine praktische Bedingung guter Wohnverhältnisse. In der Altstadt liegt die Bewertung der Gemeinschaft in Etage oder WG bei durchschnittlich 2,28 von 4. In der Neustadt, die in dieser Auswertung vollständig Haus 11 entspricht, liegt sie nur bei 0,23. Dort vergeben 84,6 Prozent den niedrigsten Wert 0.
Das ist einer der stärksten Unterschiede der gesamten Auswertung. Er zeigt, dass Wohnform und Raumstruktur direkte soziale Folgen haben. Einzelapartments, fehlende Gemeinschaftsküchen und wenig alltagspraktische Begegnungsflächen können Gemeinschaft massiv schwächen.

Gleichzeitig ist die Zustimmung zur Bedeutung von Gemeinschaft fast einhellig: Ob gute Gemeinschaft zu besseren Lebensbedingungen beiträgt, erreicht über alle Häuser hinweg einen Durchschnitt von 3,63 von 4. 75 Prozent vergeben die höchste Stufe. In offenen Antworten werden bessere Sauberkeit, mehr Verantwortungsgefühl, weniger Einsamkeit, leichtere Konfliktlösung und klarere Kommunikation genannt.
Mehr als eine Beschwerdesammlung
Die Umfrage macht sichtbar, dass die Krise der Studentenstadt nicht nur aus einzelnen Schäden besteht. Bauliche Belastungen, unzureichende Instandhaltung, schwache Reinigung, problematische Gestaltung von Gemeinschaftsflächen, defizitäre Kommunikation, beschädigtes Vertrauen und geschwächte Repräsentation greifen ineinander.
Genau deshalb reichen rein technische Antworten nicht aus. Gute Wohnbedingungen bestehen nicht nur aus einem privaten Zimmer. Sie brauchen funktionierende Gemeinschaftsflächen, nachvollziehbare Kommunikation, verlässliche Instandhaltung und demokratisch legitimierte Ansprechstrukturen vor Ort.
Die Umfrage zeigt: Die Bewohnerschaft fordert keine Sonderrechte. Sie beschreibt die Bedingungen, unter denen studentisches Wohnen überhaupt funktionieren kann.
Dokumente und Quellen
- Auswertung der Bewohnerumfrage zur Studentenstadt vom 12.03.2026
- Diagramm: Konkrete Mängel in sanierten und nicht sanierten Häusern
- Diagramm: Dauer bestehender Probleme
- Diagramm: Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner werden ernst genommen
- Diagramm: Vertretung durch das Tutorenprogramm
- Diagramm: Vertretung durch Haussprecher
- Diagramm: Gemeinschaft in Etage oder WG
Dieser Beitrag wurde nachträglich zur Dokumentation der Ereignisse im März 2026 ergänzt.