Am 27. April 2026 besuchten Wissenschaftsminister Markus Blume und Bauminister Christian Bernreiter die Studentenstadt. Im Mittelpunkt des Medientermins standen die Sanierung der Häuser 9 und 12, neue Musterzimmer und der Fortschritt auf der Baustelle. Aus Sicht der Bewohnerschaft war der Termin mehr als ein Baustellenbesuch: Das Gespräch mit Minister Blume wurde als konstruktiver Schritt wahrgenommen, weil deutlich wurde, dass die Studentenstadt politisch nicht nur als Schlafstadt, sondern als besonderer sozialer und kultureller Ort gesehen wird.
Ein Pressetermin zwischen Kran und Konflikt
Die öffentliche Inszenierung war auf Fortschritt ausgerichtet. Vor Haus 12 wurden Sanierungsarbeiten präsentiert, vorgefertigte Bäder gezeigt und der Zeitplan für die Wiederherstellung von Wohnraum erläutert. Nach Berichten der Abendzeitung sollen in den Häusern 9 und 12 insgesamt 1.025 Apartments saniert werden. Haus 12 mit 405 Wohnungen soll bis Ende 2027 fertig sein, Haus 9 mit weiteren 620 Apartments bis Ende 2028.
Diese Sanierung ist wichtig. Jeder wieder nutzbare Wohnheimplatz zählt in einer Stadt, in der Studierende seit Jahren unter extremem Druck auf dem Wohnungsmarkt stehen. Zugleich zeigt gerade die Studentenstadt, wie teuer es wird, wenn Instandhaltung, Brandschutz, Kommunikation und Verantwortung über Jahre nicht ausreichend funktionieren. Dass nun mit großem Aufwand saniert wird, darf nicht verdecken, warum so viele Plätze überhaupt so lange leer standen.
Der Freistaat springt ein
Die Häuser 9 und 12 werden nicht einfach durch das Studierendenwerk selbst saniert. Die staatliche BayernHeim beziehungsweise Baunova ist zentral in die Sanierung eingebunden. Die Abendzeitung bezifferte die Kosten auf 151 Millionen Euro. Die sanierten Wohnungen sollen nach der Fertigstellung günstig an Studierende vermietet werden; genannt wurde eine Kaltmiete von rund 300 Euro im Monat und eine langfristige Belegungsbindung.
Damit wird ein Widerspruch sichtbar, der in der Debatte häufig untergeht. Das Studierendenwerk München Oberbayern ist formal zuständig für studentisches Wohnen, aber zentrale Sanierungsaufgaben in der Studentenstadt konnten offenbar nur mit massiver Hilfe des Freistaats und seiner Wohnungsbaugesellschaft umgesetzt werden. Das ist kein normaler Verwaltungserfolg, sondern ein Hinweis darauf, dass die bisherige Struktur bei großen Wohnheimanlagen an Grenzen gestoßen ist.
Sanierung ersetzt keine Selbstverwaltung
Parallel zur Baustellenpräsentation übergaben Vertreterinnen und Vertreter aus der Bewohnerschaft und dem Münchner Wohnheimforum Minister Blume den offenen Brief des Münchner Wohnheimforums und des AK Wohnen. Der Brief richtet den Blick über einzelne Gebäude hinaus: auf Wohnzeiten, demokratische Bewohnervertretungen, Gemeinschaftsflächen, kulturelle Infrastruktur und die Frage, wie studentische Wohnheime in München künftig organisiert sein sollen.
Die Abendzeitung griff diesen Punkt in ihrer Berichterstattung auf: Die Infrastruktur müsse nicht nur saniert, sondern auch mit Leben gefüllt werden. Genau darum geht es aus Sicht des Wohnheimforums. Ein Wohnheim ist nicht nur eine Ansammlung günstiger Zimmer. Es ist ein sozialer Raum, in dem Gemeinschaft, Verantwortung und Beteiligung entstehen können oder eben systematisch verschwinden.
Neue Zimmer lösen die Wohnungsnot nicht, wenn gleichzeitig die Strukturen verschwinden, die aus einem Wohnheim einen demokratischen und gemeinschaftlichen Ort machen.
Gespräch mit Minister Blume
Neben dem Medientermin kam es zu einem Gespräch zwischen Wissenschaftsminister Markus Blume, Robert Brannekämper, Claudia Meijering, der Geschäftsführung des Studierendenwerks und Vertreterinnen und Vertretern aus der Studentenstadt und dem Münchner Wohnheimforum. Anwesend waren aus der studentischen Selbstverwaltung unter anderem Moritz Eberhart und Sarah Kocelak sowie Philipp Anton Hörterer für das Münchner Wohnheimforum und Teresa Soyer aus der Bewohnerschaft.
Aus Perspektive der Bewohnerschaft war dieses Gespräch ein Erfolg. Minister Blume nahm sich Zeit für die studentische Sicht auf die Studentenstadt und signalisierte Verständnis dafür, dass dieser Ort weit mehr ist als eine Ansammlung günstiger Zimmer. Gerade als größtes Studierendenwohnheim Deutschlands hat die Studentenstadt einen besonderen Wert: für bezahlbares Wohnen, für studentische Kultur, für demokratische Selbstorganisation und für soziale Gemeinschaft.
In diesem Gespräch wurde zugleich deutlich, dass die Auseinandersetzung nicht bei der Frage endet, ob einzelne Küchen, Duschen oder Zimmer saniert werden. Die Bewohnerschaft machte klar, dass es um Vertrauen, Zuständigkeit und strukturelle Beteiligung geht. Wenn Studierende über Jahre Schäden melden, Gemeinschaftsräume verlieren oder demokratische Vertretungen geschwächt werden, reicht ein Baustellenrundgang allein nicht als Antwort. Gerade deshalb war wichtig, dass Minister Blume die Bewohnerperspektive direkt hörte.
Ein Signal für studentisches Leben
Bereits im März 2026 hatte es in der Studentenstadt ein Straßenfest gegeben, das über die BayernHeim beziehungsweise Baunova und die Baufirma Goldbeck unterstützt wurde. Aus Sicht der Bewohnerschaft war das mehr als eine nette Geste im Umfeld einer Baustelle. Es zeigte, dass die an der Sanierung beteiligten staatlichen und baulichen Akteure verstanden haben, dass die Studentenstadt nicht nur aus Wohnraum besteht, sondern aus Gemeinschaft, Kultur und gemeinsam genutzten Orten.
Gerade dieser Punkt ist bemerkenswert. Eine staatliche Wohnungsbaugesellschaft und eine Baufirma, deren Kernaufgabe eigentlich Bau und Sanierung ist, zeigten damit erkennbar Interesse am studentischen Leben vor Ort. Das steht in einem deutlichen Kontrast zu einem Studierendenwerk, das als Anstalt des öffentlichen Rechts studentisches Wohnen nicht nur verwalten, sondern seinem Zweck nach auch sozial begleiten und ermöglichen sollte.
Für die Bewohnerschaft ist deshalb wichtig festzuhalten: Die positive Wahrnehmung des Gesprächs mit Minister Blume entsteht nicht trotz der Kritik am Studierendenwerk, sondern gerade wegen dieser Kritik. Wer die Studentenstadt als besonderen Ort ernst nimmt, muss ihre gewachsenen Strukturen, ihre Selbstverwaltung und ihre Kultur stärken.
Wohnheimforum: schwach besetzt, aber aus gutem Grund
Ein möglicher Einwand gegen das Münchner Wohnheimforum lautet, dass es noch nicht alle Wohnheime breit abbildet. Dieser Einwand beschreibt aber gerade das Problem, das das Wohnheimforum bearbeiten will. In vielen Wohnheimen des Studierendenwerks gibt es keine starken demokratischen Bewohnerstrukturen mehr. Wo keine gewählten Haussprecherinnen und Haussprecher, keine aktiven Gemeinschaften und keine selbstverwalteten Räume existieren, entstehen auch kaum Personen, die ein Wohnheim gegenüber anderen vertreten können.
Das Wohnheimforum ist deshalb nicht schwach, weil das Thema unwichtig wäre. Es startet schwach, weil die Strukturen, aus denen legitime Vertretung wachsen müsste, vielerorts fehlen. Wer diese Schwäche kritisiert, muss zugleich erklären, warum das Studierendenwerk über Jahre keine belastbaren, demokratischen und wohnheimübergreifenden Beteiligungsstrukturen aufgebaut oder erhalten hat.
Zusagen müssen praktisch werden
Nach Darstellung der anwesenden Vertreterinnen und Vertreter äußerte sich die Geschäftsführung des Studierendenwerks im Gespräch grundsätzlich positiv gegenüber einer weiteren Vernetzung der Wohnheime. Wichtig ist dabei nicht nur der Ton im Gespräch, sondern die praktische Folge: Künftige Treffen des Wohnheimforums dürfen nicht durch Kommunikation aus dem Haus des Studierendenwerks entmutigt oder relativiert werden.
Wenn das Studierendenwerk Transparenz, Beteiligung und konstruktive Zusammenarbeit ernst meint, muss es demokratische Bewohnerstrukturen aktiv ermöglichen. Dazu gehören klare Ansprechpartner, Raum für Versammlungen, Respekt vor selbstorganisierten Gremien und die Anerkennung, dass Tutorinnen und Tutoren keine demokratisch legitimierte Vertretung ersetzen.
Mehr als ein Sanierungsprojekt
Die Sanierung der Häuser 9 und 12 ist ein wichtiger Schritt. Sie schafft dringend benötigten Wohnraum und kann einen Teil des jahrelangen Leerstands beenden. Aber sie beantwortet nicht die Grundfrage, wie studentisches Wohnen in München künftig aussehen soll.
Die Studentenstadt braucht nicht nur neue Bäder und neue Zimmer. Sie braucht eine Träger- und Verwaltungsstruktur, die Instandhaltung ernst nimmt, Gemeinschaft schützt und studentische Mitbestimmung nicht als Störung behandelt. Der Ministerbesuch hat gezeigt, dass die Studentenstadt politisch wieder sichtbar ist. Jetzt muss daraus mehr entstehen als gute Bilder von einer Baustelle.
Dokumente und Quellen
- Offener Brief des Münchner Wohnheimforums und des AK Wohnen zur Zukunft studentischer Wohnheime in München
- BR24, 27.04.2026: Sanierung von Wohnheim geht voran – Studierende fordern mehr
- Süddeutsche Zeitung, 27.04.2026: Was sich in der Studentenstadt seit den Schimmel-Berichten getan hat
- Abendzeitung München, 29.04.2026: Hier entstehen über 1000 neue günstige Wohnungen in München – die sind aber nicht für jeden
- Gesprächsnotizen aus dem Austausch mit Wissenschaftsminister Markus Blume, Robert Brannekämper, dem Studierendenwerk und Vertreterinnen und Vertretern der Bewohnerschaft am 27.04.2026.