Am 19. April 2026 kam das Münchner Wohnheimforum zu seiner ersten Vertreter-Vollversammlung zusammen. Ziel war es, die Wohnheime des Studierendenwerks München Oberbayern besser zu vernetzen und demokratische Bewohnerstrukturen wieder aufzubauen. Doch gerade dort, wo solche Strukturen fehlen, blieb die Beteiligung schwach. Aus Sicht des Wohnheimforums lag das nicht nur an Desinteresse, sondern auch an einer entmutigenden Kommunikation aus dem Umfeld des Studierendenwerks.

Ein Forum für alle Wohnheime

Das Münchner Wohnheimforum soll die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Wohnheimen des Studierendenwerks München Oberbayern stärken. Es versteht sich nicht als Ersatz für lokale Selbstverwaltung, sondern als gemeinsame Ebene zwischen Wohnheimen, die ähnliche Probleme erleben: Instandhaltung, Kommunikation, Gemeinschaftsflächen, Mitbestimmung, Wohnzeiten und der Umgang mit studentischem Engagement.

Bei der ersten Vertreter-Vollversammlung wurden organisatorische Grundlagen gelegt. Dazu gehörten die Verabschiedung einer Geschäftsordnung, die Einrichtung von Arbeitskreisen und die Verständigung über gemeinsame Ziele. Im Zentrum stand die Frage, wie Wohnheime miteinander sprechen können, wenn in vielen Anlagen kaum noch demokratisch legitimierte Bewohnervertretungen existieren.

Getragen von den verbliebenen Strukturen

Aktiv getragen wurde der Neuaufbau vor allem von Wohnheimen, in denen noch eigene Strukturen, Vereine oder gewachsene Gemeinschaften bestehen. Dazu zählen insbesondere das Olympische Dorf, das Biedersteiner Wohnheim, Agnes-Adelheid und die Studentenstadt.

Gerade diese Zusammensetzung zeigt das Grundproblem. Dort, wo über Jahre demokratische Hausvertretungen, selbstverwaltete Strukturen oder starke Gemeinschaften erhalten blieben, gibt es Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, die an einem Wohnheimforum teilnehmen können. Wo solche Strukturen fehlen oder nie aufgebaut wurden, fehlt auch die Grundlage für echte Vertretung.

Ein schwacher Start mit starkem Befund

Nach Darstellung der Organisierenden wurden im Vorfeld zahlreiche Wohnheime aktiv angesprochen. Trotzdem war die Beteiligung von den rund 24 Wohnheimen ohne demokratische Strukturen gering. Das ist auf den ersten Blick ernüchternd. Politisch ist es aber vor allem aufschlussreich.

Wenn ein Wohnheim keine gewählten Haussprecher, keine aktiven Flurstrukturen, keine selbstverwalteten Räume und keine starke Gemeinschaft hat, dann entsteht auch keine klare Person, die für die Bewohnerschaft sprechen kann. Genau das ist der Punkt: Schwache Beteiligung am Wohnheimforum ist nicht automatisch ein Zeichen geringer Relevanz. Sie kann auch Folge davon sein, dass demokratische Strukturen in vielen Wohnheimen gar nicht mehr vorhanden sind.

Wer Beteiligung will, muss zuerst Strukturen ermöglichen, in denen Beteiligung überhaupt entstehen kann.

Tutorinnen und Tutoren im Zwischenraum

Weil in vielen Wohnheimen keine demokratisch gewählten Bewohnervertretungen bestehen, wurden auch Tutorinnen und Tutoren eingeladen. Das war ein pragmatischer Versuch, überhaupt Kontakt in Wohnheime herzustellen, in denen es keine andere sichtbare Bewohnerstruktur gibt.

Genau hier zeigt sich jedoch das Dilemma des aktuellen Systems. Tutorinnen und Tutoren werden nicht von der Bewohnerschaft demokratisch gewählt, sondern im Rahmen des Tutorenprogramms eingesetzt. Sie können Veranstaltungen organisieren und soziale Angebote schaffen. Sie ersetzen aber keine legitimierte Bewohnervertretung, die gegenüber dem Studierendenwerk die Interessen eines Hauses oder einer Etage bündelt.

Im Vorfeld der Vertreter-Vollversammlung wurde nach Darstellung des Wohnheimforums eine E-Mail aus dem Umfeld des Studierendenwerks an Tutorinnen und Tutoren verschickt, die die Teilnahme an dem Treffen nicht ausdrücklich unterstützte, sondern eher entmutigend wirkte. Mehrere Beteiligte werteten diese Kommunikation als Signal, dass eine Teilnahme am Wohnheimforum nicht zu den Aufgaben der Tutorinnen und Tutoren gehöre.

Legitimation wird praktisch verhindert

Damit entsteht ein Widerspruch. Einerseits fragt das Studierendenwerk regelmäßig nach Legitimation, Zuständigkeit und Vertretungsmandaten studentischer Strukturen. Andererseits wurden in vielen Wohnheimen gerade die demokratischen Strukturen nicht gestärkt, die solche Legitimation überhaupt hervorbringen könnten.

Das Wohnheimforum steht damit vor einer doppelten Aufgabe: Es muss Wohnheime vernetzen und gleichzeitig dort beim Aufbau demokratischer Strukturen helfen, wo diese kaum noch existieren. Das ist langsamer, schwieriger und weniger repräsentativ, als es in einem funktionierenden System sein müsste. Aber gerade deshalb ist es notwendig.

Zusammenarbeit mit dem AK Wohnen

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Zusammenarbeit mit dem AK Wohnen, der sich ebenfalls neu aufgestellt hat. Gemeinsam kann das Thema studentische Wohnheime politisch breiter gesetzt werden. Dabei geht es nicht nur um einzelne Gebäude oder einzelne Konflikte, sondern um Grundfragen: Was ist ein studentisches Wohnheim? Welche Rolle spielen Haussprecher? Warum braucht es Gemeinschaftsflächen? Wie können Bewohnerinnen und Bewohner legitim vertreten werden?

Eine Petition oder ein offener Brief kann diese Fragen nicht allein lösen. Die Chancen politischer Instrumente sind begrenzt, wenn die zuständigen Strukturen nicht bereit sind, Selbstverwaltung und Mitbestimmung ernst zu nehmen. Aber sie können das Thema sichtbar halten und eine Grundsatzdebatte über studentisches Wohnen in München anstoßen.

Was aus der Versammlung folgt

Die erste Vertreter-Vollversammlung war deshalb kein fertiger Durchbruch. Sie war ein Anfang unter schwierigen Bedingungen. Sie zeigte, welche Wohnheime noch eigene Strukturen haben, wo Vernetzung möglich ist und wie groß die Lücken in vielen anderen Wohnanlagen geworden sind.

Für das Wohnheimforum folgt daraus eine klare Richtung: Es braucht mehr direkte Ansprache in den Wohnheimen, Unterstützung beim Aufbau demokratischer Bewohnerstrukturen und eine gemeinsame politische Sprache für Probleme, die viele Wohnheime betreffen. Wer studentisches Wohnen nicht nur verwalten, sondern als sozialen Raum ernst nehmen will, kommt an dieser Arbeit nicht vorbei.

Dokumente und Quellen

  • Geschäftsordnung des Münchner Wohnheimforums
  • Protokoll der ersten Vertreter-Vollversammlung vom 19.04.2026
  • E-Mail im Vorfeld der Vertreter-Vollversammlung an Tutorinnen und Tutoren; liegt dem Wohnheimforum vor
  • Interne Dokumentation des Wohnheimforums zur Kontaktaufnahme mit den Wohnheimen und zum Aufbau der Arbeitskreise.

Dieser Beitrag wurde nachträglich zur Dokumentation der Ereignisse im April 2026 ergänzt.